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BERLIN: GESPRÄCH MIT MIGUEL GONZALEZ
"Der Paramilitarismus wurde unter Uribe legalisiert"
Interview: Harald Neuber. 26.09.2008

Tausende linke Aktivisten wurden in den 1980er Jahren in Kolumbien ermordet. Nun soll die Verstrickung des amtierenden Präsidenten in die Verbrechen aufgeklärt werden. Ein Gespräch mit Miguel González

- Während der 1980er Jahre wurden Tausende Mitglieder und Anhänger der Linkspartei Unión Patriótica (UP, Patriotische Union) in Kolumbien ermordet. Weshalb ist dieser Massenmord nie aufgeklärt worden?
Sie bezeichnen die UP richtig als Linkspartei. Sie ist im Verlauf von Verhandlungen zwischen der damaligen Regierung und den Rebellenorganisationen entstanden und wurde binnen weniger Jahre durch blutigen Terror der Rechten zerschlagen. Ihre Frage stellen wir uns seither jeden Tag. Warum war der kolumbianische Staat in zwanzig Jahren nicht fähig, dieses Massaker aufzuklären? Eine mögliche Erklärung ist die Verbindung dieser Mörderbanden zu staatlichen Institutionen, zur Polizei und der Armee.

- Nun versuchen Sie, den Massenmord vor dem Interamerikanischen Gerichtshof zu thematisieren. Ist eine juristische Aufarbeitung der Geschehnisse in Kolumbien nicht möglich?
Nein, in Kolumbien erleben wir eine völlige Mißachtung juristischer Grundsätze. Deswegen setzen wir, Juristen- und Menschenrechtsorganisationen, auf internationale Instrumente. Zunächst haben wir mit der Interamerikanischen Menschenrechtskommission gearbeitet, nun kommt der Fall vor den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte.

- F:Warum hat das so lange gedauert?
Die Kommission hat zehn Jahre lang versucht, in Übereinkunft mit dem kolumbianischen Staat eine Lösung zu finden. Dieser Versuch ist gescheitert, weil die amtierende Regierung von Alvaro Uribe das Vorgehen der Täter indirekt gerechtfertigt hat. Daraufhin haben die Kläger die Verhandlungen abgebrochen. Nun ist der Gerichtshof für Menschenrechte gefragt.

- Kann man beziffern, wie viele Anhänger der UP ermordet wurden?
Opferorganisationen gehen von rund 5000 Toten aus. Ein Problem ist auch hier die Untätigkeit der staatlichen Institutionen in Kolumbien. Offiziell wurden die Morde nie untersucht. Trotzdem konnten 2000 Fälle nach objektiven Kriterien belegt werden.

- In den 1970er Jahren haben Sie in Ostberlin studiert. Auch einer Ihrer damaligen Kommilitonen wurde später ermordet. Wer war er?
Bernardo Jaramillo Ossa. Wir hatten damals zusammen an der Jugendhochschule »Wilhelm Pieck« studiert. Bernardo fiel am 22. März 1990 einem Attentat zum Opfer. Er war Senator der Republik und hatte verschiedene Posten in der Patriotischen Union inne. Als er ermordet wurde, war er Vorsitzender dieser Partei und Kandidat für die Präsidentschaft.

- Was hat die aktuelle Regierung von Alvaro Uribe mit diesen Geschehnissen zu tun?
Bereits vor seiner Präsidentschaft hat Uribe als Bürgermeister von Medellín und als Gouverneur des Departements Antioquia ein unklares Verhältnis zu den rechten Paramilitärs gehabt. In Antioquia sind während seiner Regierung die berüchtigten Convivir-Milizen entstanden, über die der Paramilitarismus legalisiert wurde. Diese Banden waren später für Tausende Morde auf dem Land verantwortlich. Besonders gewütet haben sie in den Regionen, in denen die UP über Rückhalt verfügte.

- Auch deswegen versuchen Sie mit Unterstützung zahlreicher Juristen- und Menschenrechtsorganisationen ein Verfahren gegen Uribe vor dem Internationalen Strafgerichtshof zu erreichen. Ist eine solche Initiative nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt?
Dieser Vorstoß kann nur dann Erfolg haben, wenn er breite Unterstützung findet. Im Moment sprechen sich für ein solches Verfahren nicht nur Juristen- und Menschenrechtsorganisationen aus, sondern auch Gewerkschaften und Intellektuelle. Sie tragen Fälle politischer Gewalt zusammen, für die der heutige Präsident Verantwortung trägt und sie sammeln Beweise. Es gibt in Kolumbien viele Widerstände dagegen. Natürlich ist uns auch klar, daß internationale Organisationen wie der Strafgerichtshof von politischen Interessen bestimmt wird. Aber die Verbrechen des kolumbianischen Staates sind inzwischen so offensichtlich und die Straffreiheit so deutlich, daß wir einen Erfolg für möglich halten.

Chancen auf Frieden in Kolumbien?
22/09/08: Erfolgreiches Treffen zur Solidaritätsbekundung mit Kolumbien in Berlin
Berlin, 22/09/08

Am Montag, 22. September, um 19.00 Uhr kamen mehr als 100 Leute ins Haus der Demokratie, um an der Veranstaltung „Chancen auf Frieden in Kolumbien?“ teilzunehmen. Als ReferentInnen waren die Bundestagsabgeordnete der Partei DIE LINKE, Heike Hänsel, und der Menschenrechtsanwalt und Generalsekretär der Asociacion Colombiana de Juristas Demócratas (Kolumbianische Vereinigung der demokratischen Juristen), Miguel Gonzalez, anwesend.

Moderator der Veranstaltung war Harald Neuber, Journalist bei der Zeitung „Junge Welt“.

Ursprünglich war die Einladung an den Journalisten Carlos Lozano Guillen ergangen, den Direktor der Zeitschrift „Voz“. Im Moment befindet sich Lozano jedoch in einem gerichtlichen Prozess, aufgrund von angeblichen „Indizien“, die im Computer des jüngst verstorbenen Guerilla-Kommandanten Raul Reyes gefunden worden sein sollen. Aus diesem Grund konnte Lozano nicht, wie ursprünglich von ihm gewünscht, an den verschiedenen Aktivitäten in Berlin, die in Zusammenhang mit der politischen Situation in Kolumbien stehen, teilnehmen.

Mit der Veranstaltung im Haus der Demokratie wurde ein Zeichen der Solidarität mit den Journalisten und Abgeordneten der Partei Polo Democratico gesetzt. Die Partei wird von der Regierung des Präsidenten Uribe Velez fälschlicherweise beschuldigt, das Sprachrohr der aufständischen Gruppierungen Kolumbiens zu sein.

Die Abgeordnete der Partei DIE LINKE sowie der Rechtsanwalt der Juristenvereinigung betonten die Notwendigkeit, weiterhin Wege zu suchen, um den humanitären Austausch zwischen der kolumbianischen Regierung und den Aufständischen zu realisieren. Das Ziel ist eine politische, ausgehandelte Lösung für den sozialen und bewaffneten Konflikt, der sich seit Jahrzehnten im Land abspielt.

Die Referenten riefen dazu auf, die Kriminalisierung der internationalen Solidarität mit den kolumbianischen sozialen Organisationen zurückzuweisen, und verwiesen auf die schwierige Lage der sozialen Organisationen in Kolumbien, die mit der systematischen Verletzung ihrer Menschen- und Grundrechte konfrontiert sind.

Am Schluss der Veranstaltung formulierten die TeilnehmerInnen verschiedene Fragen in Bezug auf den Paramilitarismus, die Verbindungen dieser Gruppen zur Regierung und zu hohen Stellen in den kolumbianischen Streitkräften, wie auch zur aktuellen Tendenz der Entstehung eines mafiösen Staates in Kolumbien.

 
 




 
     
   
     
 



Chancen auf Frieden in Kolumbien?

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